Rhein-Mosel-Verlag
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Aus dem Beitrag von Christian Führer:

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Die Nikolaikirche war zum bestbewachten Platz der Republik geworden.
In der Kirche spielte die Bergpredigt JESU mit ihrer radikalen Ablehnung der Gewalt eine besondere Rolle. Draußen, auf dem Platz, konnte man gleich die Gewaltlosigkeit praktisch unter Beweis stellen, wenn die wahllosen und unbegründeten Verhaftungen, genannt »Zuführungen«, begannen. Sie schockierten uns im September 1989. Bis auch hier ein Vorschlag der Basisgruppenleute einen gewissen Ausweg anbot: »Bevor du im Lastwagen verschwindest, schreie deinen Namen auf die Straße! Irgendeiner kennt dich oder hört deinen Namen, schreibt ihn auf. Und du, Pfarrer, gehst nach dem Friedensgebet ins Pfarramt. Dort geben wir die Namen ab.« So geschah es. Eine Liste, natürlich unvollständig, mit den Namen von Inhaftierten entstand. Früh setzten sich die Superintendenten mit den staatlichen Stellen in Verbindung: »Folgende Jugendliche sind heute Nacht nicht nach Hause gekommen …« Die Namensliste hängten wir an unsere Info-Wand in der Kirche, sodass sich jeder informieren konnte, ob sein Angehöriger, Mitschüler, Kollege, Kommilitone etc. unter den Verhafteten war. Bald kamen Jugendliche auf den Einfall, die Namen der Inhaftierten groß auf Zeichenblock zu schreiben und an die Ziergitter der Kirchenfenster neben dem Eingang zu heften. Die Versuche der Stasi, nachts die Namenslisten abzureißen, spornten die Jugendlichen an, die Listen noch größer zu schreiben und noch höher zu hängen. So blieben sie schließlich – und Blumen tauchten auf, neben die Namen gesteckt, Kerzen auf dem Bürgersteig bis hin zur Vase mit Blumen und Schleife: »Kopf hoch, Maik! Dein Arbeitskollektiv!« Ein wunderbarer, bis dahin nie erlebter Vorgang: Tag für Tag, Tag und Nacht kamen Menschen, brachten Blumen, zündeten Kerzen an, blieben stehen, sprachen miteinander.
Den staatlichen Behörden war dies ein Dorn im Auge. Den Montag als »Chaostag« hatten sie »im Griff«, wie auch immer. Aber nun jeden Tag dieser Anblick, fünf Minuten vom Hauptbahnhof entfernt, mitten in der Stadt, als permanente Anfrage an diese Vorgänge: Verhaftung ohne jede Begründung, ohne Haftbefehl – was für ein Staat ist das!
Anruf von der Stadt: »Herr Pfarrer, Sie sind für Ordnung und Sicherheit vor Ihrer Kirche verantwortlich. Räumen Sie die Blumen weg und die Kerzen und Wachsreste vom Bürgersteig, damit die älteren Bürger nicht ausrutschen.« Darauf ich: »Sie haben uns schon so gut wie alles verboten. Trauer und Schmerz lassen wir uns nicht auch noch verbieten. Räumen Sie es selber weg!«
Eines Nachts dann im September, ich konnte es vom Balkon unserer Wohnung aus sehen, kam die Stadtreinigung mit Schaufeln, Besen und Schneeschiebern. Voll Trauer dachte ich: Jetzt haben sie dich überlistet. Die Frauen und Männer erledigten ordentlich ihren Auftrag, räumten die verwelkten Blumen weg, säuberten den Bürgersteig von Wachs und Kerzen. Und – nahmen plötzlich zu meiner Verwunderung aus dem Kerzenresthaufen alle Kerzen, die noch zu gebrauchen waren, säuberten sie, zündeten sie an und stellten sie in die Fenster der Nikolaikirche! Ein tiefes Gefühl der Freude überkam mich: So geht das jetzt!
Sie fragen nicht mehr: Dürfen wir das? Sie fragen nicht nach einem Vorgesetzten, der für sie entscheidet. Sie denken selbst, entscheiden selbst, handeln selbst!
So kam der 9. Oktober heran, der Tag der Entscheidung.

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LESER-TIPP 1:

"Kubatraum '57" von Hans Tönjes Redenius


www.kubatraum.de

LESER-TIPP 2:

"Kamillenblumen" von Ute Bales

www.kamillenblumen.de