Aus dem Beitrag von Petra Heß (Herausgeberin):
... Am Abend des 9. November war ich in einem Ferienhotel, in dem ich damals arbeitete. Wir hatten unseren üblichen Abschiedsabend vorbereitet und wunderten uns, dass niemand da war. Dann kam plötzlich jemand zu uns und rief aufgeregt: »Die Grenzen sind offen.« Wir haben sofort den Fernseher eingeschaltet und bis zum Feierabend die Ereignisse verfolgt. Danach fuhr ich nach Hause und fand meinen Mann ebenfalls vor dem Fernseher sitzend vor. Gemeinsam haben wir ganze Nacht weitergeschaut. Immer wieder wurden die Bilder der durch die offene Mauer strömenden Menschen gezeigt, dann wieder der Auftritt von Herrn Genscher in Prag und jedesmal wollten mir wieder die Tränen in die Augen schießen. Ich denke, so wie mir geht es jedem, der die historischen Momente der Jahre 1989 und 1990 erlebt hat. Jeder wird wissen, was er am Abend der Maueröffnung getan hat, jeder wird wohl auch noch wissen, was er am Abend des 3. Oktober 1990 gemacht hat. Christoph Kloft und ich haben uns Anfang der neunziger Jahre kennen gelernt. Geboren auf den beiden Seiten der ehemaligen Mauer, hatten wir – wie Millionen andere Menschen – erst durch den Fall derselben die Möglichkeit, uns zu begegnen und unsere Erfahrungen auszutauschen. Dies hat in vielen Fällen zu einer positiven Zusammenarbeit geführt, und das, obwohl in unserem Fall zu den unterschiedlichen Biografien noch verschiedene berufliche Ausrichtungen kamen. Nicht zuletzt möchten wir darum auch durch unser Vorbild zeigen, dass Ost und West auf jeder Ebene in der Lage sind, gemeinsam zu wirken und gute Projekte auf den Weg zu bringen. Nach mehreren Begegnungen erinnere ich mich besonders an ein schlimmes gemeinsames Erlebnis: Es war der 3. Oktober 1992. Die rechtsextreme NPD hatte sich zu ihrem sogenannten Deutschlandtag ausgerechnet im thüringischen Arnstadt getroffen. Es war ein großer Aufmarsch, der bundesweit Negativ-Schlagzeilen machte. Mit ein paar Gleichgesinnten – besonders solchen, die ein paar Jahre zuvor für die Öffnung der Mauer eingetreten waren – trafen wir uns damals zu einer Gegendemonstration. Christoph Kloft hatte als Journalist über den Tag zu berichten. Ich weiß noch, wie verzweifelt wir damals waren, und ich weiß auch noch, wie gleichgültig es plötzlich war, ob jemand aus dem Osten oder aus dem Westen kam: Gemeinsam mussten wir uns gegen die Neonazis wehren, und gemeinsam versuchten wir deshalb auch unser Möglichstes. Unsere Redner nahmen kein Blatt vor den Mund und boten den Rechten trotz deren große zahlenmäßige Überlegenheit mutig Paroli. Zu unserer Freude fand Christoph Kloft in seinen Zeitungsartikeln ebenso deutliche Worte, auch wenn dies nicht ungefährlich war. Spätestens in diesen Tagen begriffen wir, dass eine Einteilung in Ost und West überholt war – schon damals war sie dies! –, denn es ging doch um die gemeinsame Sache! Und so haben uns paradoxerweise gerade die Gegner unserer Demokratie seinerzeit den Anlass gegeben, das Gemeinsame und nicht mehr das Trennende in den Vordergrund zu stellen! ... Natürlich habe ich in erster Linie all denen zu danken, die einen Beitrag hinzugesteuert haben! Mit ihrer Teilnahme haben alle Autorinnen und Autoren der vorliegenden Publikation bewiesen, dass das Thema eben doch von Interesse ist – und das selbst zwanzig Jahre nach dem Herbst ’89! Ich hege die berechtigte Hoffung, dass sie alle mit ihren Texten dazu beigetragen haben, die Thematik auch über die Jubiläumsdaten der Jahre 2009 und 2010 hinaus im Bewusstsein der Menschen zu halten! Ich begrüße es, dass im Jubiläumsjahr 2009 mehrere Veröffentlichungen zur Thematik erscheinen. Dies unterstützt unser Ansinnen. Trotzdem ist es gut, dass alle diese Publikationen einen anderen Weg gehen, sodass ich ohne Übertreibung behaupten darf, dass das vorliegende Buch in der Zusammenstellung und der Art der Beiträge sicherlich einzigartig ist. ...
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